top of page

Ethics as Infrastructure

Warum Ethik keine Ergänzung, sondern eine Strukturfrage ist

1. Ein verbreitetes Missverständnis: Ethik als Regelwerk

In Organisationen erscheint Ethik häufig in einer spezifischen Gestalt: als Kodex, Leitlinie, Policy oder Compliance-Vorgabe. Sie wird formuliert, verabschiedet, kommuniziert – und anschließend verwaltet. Diese Praxis folgt implizit der Annahme, Ethik sei ein normativer Zusatz zum eigentlichen operativen Geschehen: etwas, das Handlungen begleitet, aber nicht konstituiert.

​Gerade im Kontext digitaler Systeme, insbesondere künstlicher Intelligenz, erweist sich dieses Verständnis als unzureichend, denn Ethik, die erst nachträglich greift, kann zwar bewerten, aber kaum gestalterisch wirken. Sie bleibt reaktiv, wo strukturelle Entscheidungen längst getroffen wurden.

Der Ansatz Ethics as Infrastructure setzt an diesem Punkt an. Er verschiebt die Perspektive von der Norm zum Gefüge, von der Regel zur Struktur, und dabei wird Ethik nicht als äußerer Maßstab gedacht, sondern als innere Bedingung organisationalen Handelns. Sie ist nicht das, was hinzukommt, sondern das, was trägt.

Infrastrukturen sind unspektakulär, oft unsichtbar, aber fundamental. Sie ermöglichen Handeln, ohne selbst ständig thematisiert zu werden. Genau in diesem Sinne ist Ethik als Infrastruktur zu verstehen – als stabilisierende Architektur von Entscheidungen, Verantwortlichkeiten und Sinnzuschreibungen, und nicht als moralischer Appell.

2. Infrastrukturen denken: Stabilität, Unsichtbarkeit, Wirksamkeit

Der Begriff der Infrastruktur verweist auf Systeme, die Handlungsspielräume eröffnen, indem sie Verlässlichkeit herstellen. Straßen, Stromnetze oder Kommunikationssysteme strukturieren Möglichkeiten, ohne selbst permanent reflektiert zu werden, und sie sind wirksam, gerade weil sie im Hintergrund operieren.

Überträgt man diesen Gedanken auf Ethik, wird deutlich, wie grundlegend sich der Ansatz von klassischen Ethikkonzepten unterscheidet. Ethics as Infrastructure bedeutet, ethische Reflexion so in Prozesse, Rollen und Entscheidungswege einzubetten, dass sie nicht bei jedem Schritt neu eingefordert werden muss, sondern strukturell wirksam ist. Im Kontext opelrationaler Prozesse wird also ein Perspektivwechsel erfordert, und zwar weg von individuellen moralischen Haltungen, hin zu organisationalen Arrangements. Ethik wird zur Frage der Gestaltung von Prozessen, Anreizsystemen und Verantwortungszuschreibungen.

Gerade hier liegt ihre beschleunigende Wirkung, denn Organisationen, deren Entscheidungsarchitekturen ethisch reflektiert sind, müssen normative Fragen nicht ständig neu aushandeln, weil sie über Orientierungsstrukturen, die Handlungssicherheit erzeugen – auch unter Bedingungen hoher Komplexität, bereits verfügen.

3. Digitale Systeme und die Implizitheit normativer Setzungen

Digitale Technologien – insbesondere KI machen deutlich, warum Ethik nicht nachträglich implementiert werden kann. Algorithmen operationalisieren Entscheidungen. Sie übersetzen normative Annahmen in Code, Parameter und Schwellenwerte. Was nicht explizit reflektiert wird, wird implizit wirksam. Ethics as Infrastructure reagiert auf diese Implizitheit und fragt:


– Wo werden Entscheidungen vorstrukturiert?
– Welche Werte sind bereits eingeschrieben, bevor ein System überhaupt genutzt wird?
– Welche Handlungsoptionen werden eröffnet – und welche ausgeschlossen?

​

Diese Fragen sind nicht moralphilosophischer Natur im engen Sinne, sondern gestalterischer. Sie betreffen Designentscheidungen, Organisationsstrukturen und Governance-Modelle. Ethik wird hier zur Form von Architektur. In dieser Perspektive knüpft Ethics as Infrastructure eng an informationsethische Ansätze an, wie sie insbesondere von Luciano Floridi in "The Ethics of Information" (Floridi 2013) entwickelt wurden. Ethik betrifft nicht nur Handlungen, sondern Informationsumwelten – also die Bedingungen, unter denen Handlungen möglich werden.

4. Verantwortung als verteilte Struktur

Ein zentrales Argument für Ethics as Infrastructure liegt in der Neubestimmung von Verantwortung. In komplexen, digitalisierten Organisationen ist Verantwortung selten eindeutig zuzuordnen. Entscheidungen entstehen verteilt: zwischen Mensch und System, zwischen Abteilungen, zwischen automatisierten Prozessen und menschlicher Intervention. Klassische Verantwortungsmodelle geraten hier an ihre Grenzen. Sie setzen einen klar identifizierbaren Akteur voraus, wo faktisch ein Netzwerk aus Akteuren, Systemen und Prozessen handelt.

Ethics as Infrastructure reagiert darauf mit einem strukturellen Verantwortungsbegriff. Verantwortung wird nicht individualisiert, sondern organisiert. Sie wird über Rollen, Zuständigkeiten und Eskalationspfade verteilt, ohne dabei zu diffundieren.

Dieser Ansatz steht in enger Verbindung zu politischen und verwaltungswissenschaftlichen Überlegungen zur Accountability, wie sie etwa von Marc Bodens bereits in den späten 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts ausgearbeitet wurden (Bovens 1998). Verantwortung entsteht nicht allein durch moralische Appelle, sondern durch institutionelle Arrangements, die Rechenschaftspflicht ermöglichen.

5. Risiko, Unsicherheit und die Rolle der Ethik

Digitale Transformation ist untrennbar mit Unsicherheit verbunden. Entscheidungen müssen unter Bedingungen getroffen werden, in denen Folgen nicht vollständig absehbar sind, da beispielsweise KI immer noch wie eine Blackbox agiert . Klassische Risikomodelle, die auf Wahrscheinlichkeiten und kalkulierbaren Szenarien beruhen, greifen hier oft zu kurz. Ethics as Infrastructure adressiert genau diese Form struktureller Unsicherheit. Sie bietet keine Sicherheit im Sinne von Kontrolle, wohl aber Orientierung im Umgang mit Nicht-Wissen. Ethik wird zur Praxis des Umgangs mit Ungewissheit, nicht zu deren Aufhebung.

​

In dieser Hinsicht lässt sich eine Verbindung zur Diagnose der modernen Risikogesellschaft herstellen, wie sie von Ulrich Beck in "Risikogesellschaft" (Beck 1986) formuliert wurde. Technologische Entwicklung erzeugt Risiken, die nicht vollständig externalisiert oder berechnet werden können. Ethik als Infrastruktur ermöglicht es Organisationen, mit diesen Risiken handlungsfähig zu bleiben. 

6. Ethics as Infrastructure und organisationale Kultur

Ethik wirkt nicht nur über formale Strukturen, sondern auch über organisationale Kulturen. Doch Kultur im Unternehmen allein ist kein verlässlicher Träger ethischer Praxis. Sie ist wandelbar, informell und abhängig von individuellen Akteuren.

Ethics as Infrastructure ergänzt kulturelle Ansätze um formalisierte Strukturen, ohne diese zu ersetzen. Sie schafft Rahmenbedingungen, in denen ethische Reflexion nicht vom Engagement Einzelner abhängt, sondern systematisch unterstützt wird.

Dazu gehören unter anderem:

  • klar definierte Entscheidungsprozesse,

  • transparente Kriterien,

  • institutionalisierte Reflexionsräume,

  • verbindliche Verantwortungszuweisungen.

Ethik wird so Teil der organisationalen Routine als selbstverständlicher Bestandteil professionellen Handelns, nicht als moralische Überforderung.

7. Führung, Macht und Infrastruktur

Ethics as Infrastructure ist untrennbar mit Fragen von Führung und Macht verbunden. Infrastrukturen sind nie neutral; sie privilegieren bestimmte Handlungen und Perspektiven. Wer Infrastrukturen gestaltet, gestaltet Machtverhältnisse.

Ethik als Infrastruktur verlangt daher eine reflexive Führungspraxis. Führung bedeutet hier nicht, moralische Entscheidungen zu delegieren, sondern Entscheidungsräume bewusst zu gestalten. Die Verantwortung liegt nicht nur in der einzelnen Entscheidung, sondern in der Architektur, die Entscheidungen ermöglicht oder verhindert.

Diese Perspektive knüpft an organisationsethische Überlegungen an, wie sie etwa in "The Ethics of Leadership" (Ciulla 2002)  diskutiert wurden. Führung wird zur Praxis der Verantwortung für Strukturen – nicht nur für Ergebnisse.

8. Ethics as Infrastructure als Beschleunigungsfaktor

Auf den ersten Blick mag Ethics as Infrastructure als Verlangsamung erscheinen. Reflexion, Abstimmung und Strukturierung kosten Zeit. Tatsächlich zeigt sich jedoch das Gegenteil: Organisationen mit klaren ethischen Infrastrukturen sind schneller entscheidungsfähig.

​Der Grund liegt in der Reduktion von Konflikten, Unsicherheiten und Legitimationskrisen. Wo Entscheidungslogiken klar sind, müssen Grundsatzfragen nicht ständig neu verhandelt werden.  

In diesem Sinne ist Ethics as Infrastructure kein Gegensatz zur Innovation, sondern deren Voraussetzung. Sie schafft Stabilität in dynamischen Umfeldern – und Stabilität ist eine Bedingung nachhaltiger Beschleunigung.

9. Fazit: Ethik als tragende Struktur

Ethics as Infrastructure verschiebt das Verständnis von Ethik grundlegend. Sie ist nicht Regel, nicht Appell, nicht Zusatz. Sie ist Struktur und als solche wirkt sie leise, aber nachhaltig.

Gerade im Kontext digitaler und KI-gestützter Systeme zeigt sich, dass Ethik nur dann wirksam ist, wenn sie architektonisch, geradezu räumlich im Sinne von Aufbaustruktur gedacht wird. Sie muss Teil der Infrastrukturen sein, die Entscheidungen ermöglichen, Verantwortung verteilen und Sinnzusammenhänge stabilisieren.

Ethik als Infrastruktur bedeutet, Organisationen strukturell zu befähigen, in einer Zeit zunehmender Komplexität ist genau das ihre eigentliche Stärke.

Literatur zum Weiterlesen und Vertiefen

1. Beck, Ulrich: Die Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Suhrkamp 1986.

2. Bovens, Mark:  The Quest for Responsibility. Accountability and Citizenship in Complex Organizations. Cambridge University Press 1998.

3. Ciulla, Joanne B.: The Ethics of Leadership. Wadsworth Publishing 2002.

4. Floridi, Luciano: The Ethics of Information, Oxford University Press, 2013. doi.org/10.1093/acprof:oso/9780199641321.001.0001

​

Veröffentlicht, 5. Februar 2026 von ethonoma institute

bottom of page